Gegenwärtig befindet sich das Mobilitäts- und Verkehrssystem in einer Krise, aber noch nicht im Umbruch. Eine Verkehrswende wird immer stärker herbeigesehnt, hat jedoch – im Gegensatz zur Energiewende im Stromsektor – als umfassender sozial-ökologischer Transformationsprozess in Deutschland gerade erst begonnen. Während zahlreiche technologische, digitale und soziale Innovationen als Partikularlösung entstehen und in ihren Einzelwirkungen auch wissenschaftlich erforscht werden, fehlt es an einer integrierten Betrachtungsweise der Verkehrswende und ihrer sozialen Dynamik als Transformationsprozess. Vor diesem Hintergrund eröffnet die kürzlich beschlossene Verkehrswende für das Land Berlin in Form des neuen Mobilitätsgesetzes (MobG) außergewöhnliche Lern- und Möglichkeitsräume für eine inter- und transdisziplinäre Erforschung von sozio-technischen Transformationsprozessen des Verkehrssystems.

In diesem Teilprojekt steht die analytische Betrachtung individueller Handlungsträgerschaft (agency) und ihre Integration in Multi-Ebenen-Modelle von Transformationsprozessen im Vordergrund. Diese theoretische Weiterentwicklung ist für ein tiefergehendes Verständnis von Transformationsprozessen notwendig, da Mikro- und Mesoebenen bisher meist getrennt voneinander erforscht werden (Shove & Walker, 2010), was insbesondere in Bezug auf das Zusammenspiel von Verhaltensänderungen und institutionellen Veränderungen unzureichend erscheint (Whitmarsh, 2012). Ausganspunkt der theoretischen Weiterentwicklung ist die Multi-Level-Perspektive (MLP) (Rip & Kemp, 1998; Geels & Schot, 2007; Geels, 2012). Eine besondere Stärke dieser in der Transformationsforschung etablierten Theorie ist, dass sie ein Prozessmodell liefert, das langfristige Entwicklungen erklärt und für das Verständnis von Verkehrswendeprozessen genutzt werden kann. Dennoch bleibt die aktive Gestaltung von Transformationsprozessen, insbesondere die Berücksichtigung von individueller Handlungsträgerschaft auch hier oftmals außen vor (Bögel & Upham, 2018), obwohl diese stärker in MLP-Ansätze integriert werden sollte (Köhler et al., 2019). Da die MLP bisher stark technozentriert ist, wird ein weiterer Schwerpunkt der Forschungsarbeiten auf der Analyse der sich verändernden Akteurskoalitionen als Manifestation sozialer Dynamiken der Verkehrswende liegen.

Transdisziplinäre Methodenentwicklung- und reflexion

Die Entwicklung von evidenzbasierten und sozial akzeptablen Lösungsansätzen für die nachhaltigere Gestaltung des Verkehrssystems erfordert transdisziplinäre Forschungsdesigns. Diese Designs eröffnen neue Möglichkeitsräume für die Interaktion von Wissenschaftsinstitutionen und nicht-wissenschaftlichen gesellschaftlichen Akteuren. Sie bringen aber auch eine Reihe neuer Herausforderungen mit sich, wie etwa die zeitliche Synchronisation der Prozesse, die unterschiedlichen Systemlogiken, sowie die Heterogenität der Wissensbestände auf Seiten der Beteiligten (Rau, Goggins & Fahy, 2018; Di Giulio, Defila & Brückmann, 2016). Es gilt, die Möglichkeiten und Grenzen des vorhandenen Methoden-Instrumentariums transdisziplinärer Forschung zu analysieren und die praktische Anwendung dieser Methoden, insbesondere der ideal-typischen Phasenmodelle transdisziplinärer Prozesse (z. B. Lang et al., 2012), konstruktiv-kritisch zu reflektieren. Die transdisziplinäre Methodenentwicklung und -reflexion soll mithilfe konkreter Fallbeispiele im Kontext der Verkehrswende-Forschung des EXPERI-Projekts geschärft werden. Im Sinne einer experimentierenden Wissensgesellschaft (Campbell, 1988) wird dazu der beginnende Berliner Transformationsprozess des Verkehrssektors durch das Mobilitätsgesetz als ein gesellschaftliches Realexperiment (Groß et al., 2005) verstanden. Im Co-Design mit den Praxispartnern wird außerdem ein eigenes Realexperiment als spezifisches Format transdisziplinärer Forschung entwickelt (Jahn & Keil, 2016) und mit ihnen gemeinsam implementiert. Somit ist die Analyse des Berliner Mobilitätsgesetzes als Transformationsforschung zu verstehen, während das eigene Realexperiment den Charakter transformativer Forschung hat (Grunwald, 2015).

Transdisziplinarität ist jedoch nicht auf ein Methoden-Instrumentarium oder eine „Tool-Box“ zu reduzieren, sondern berührt fundamentale Fragen zum Selbstverständnis der Wissenschaft, wie die Debatte zwischen Strohschneider und Schneidewind exemplarisch gezeigt hat (Schneidewind 2014; 2015; Strohschneider 2014). Bei der Methodenentwicklung soll deshalb auch auf die gesellschaftspolitische Rolle von Wissenschaft und Wissenschaftsakteuren eingegangen werden (vgl. Renn, 2019).