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Ende Januar gestaltete Katharina Götting, Psychologin und Doktorandin im EXPERI-Team, eine interne Weiterbildung für alle EXPERI-Mitglieder. Inhaltlich beschäftigte sie sich mit Methoden und Tools für die Anwendung in Lehre und Workshops, insbesondere für Online-Formate. Einige EXPERI-Team-Mitglieder lehren an Berliner Universitäten seit dem Sommersemester 2020 digital oder bieten Workshops auf wissenschaftlichen Konferenzen an. Die Frage, wie man solche Formate auch online interaktiv und spannend moderieren kann, stellt sich immer wieder. Gerade in der Online-Lehre ist zu beobachten, dass einige Teilnehmer*innen hinter ausgeschalteter Kamera und stummen Mikrofon „verschwinden“. Hier können beispielsweise Methoden, bei denen Antwortideen aufgeschrieben werden, einen inklusiveren Lernraum schaffen.

Katharina Götting hatte zuvor an einer viertägigen Multiplikator*innen-Schulung des Wandelwerks teilgenommen, die sich sowohl mit der Anwendung interaktiver Workshopmethoden als auch mit dem Thema Umweltpsychologie im Kontext der Klimagerechtigkeit beschäftigte. Ziel dieses Vereins ist es, umweltpsychologische Expertise durch Workshops und Beratungen in die Praxis zu bringen.

Im Folgenden stelle ich eine Auswahl der diskutierten Methoden vor. Zwei Methoden zum Einstieg in Seminare oder Workshops sind der „kreative Kopfstand“ und die „ABC-Methode“. Für den kreativen Kopfstand sammelt man zunächst problematische Merkmale einer Fragestellung, indem man nach der maximal schlechtesten Ausprägung fragt – also z. B. welche Merkmale hat ein extrem schlecht gestaltetes Seminar oder ein extrem ungerechtes Verkehrssystem? Nachdem man einige Punkte gesammelt hat, wird die Perspektive gekippt: Die Teilnehmenden sollen sich nun für die problematischen Aspekte jeweils eine Lösungsidee ausdenken – wie kann man z. B. schlechtem Zeitmanagement im Seminar vorbeugen oder den Straßenraum fairer verteilen? In der Reflexion der Methode haben wir festgestellt, dass sie gut geeignet ist, um sich niedrigschwellig beteiligen zu können und vom Problemfokus auch auf die Diskussion positiver Veränderungen zu kommen. Bei der ABC-Methode bereitet man zunächst auf einem Online-Whiteboard, z. B. in Zoom integriert oder auf Mural, alle Buchstaben vor und lässt bei jedem Buchstaben jeweils Platz für Kommentare. Die Teilnehmenden sollen anschließend Assoziationen mit einem bestimmten Thema, z. B. Klimagerechtigkeit, sammeln, die jeweils den passenden Anfangsbuchstaben haben. Dabei sind alle Assoziationen erlaubt. Im Anschluss kann der*die Moderator*in kurz zusammenfassen, zu welchen Aspekten Assoziationen genannt wurden. Bei der Reflexion der Methode haben wir besprochen, dass auch diese Methode einen niedrigschwelligen Einstieg ermöglichen kann und es gerade in langen Videokonferenzen angenehm ist, auch stille Elemente einzuplanen. Es wurde allerdings auch zu Bedenken gegeben, dass eine bestimmte Themenkenntnis vorausgesetzt ist, da es ansonsten zu Frustrationen kommen kann, wenn zu viele Buchstaben leer bleiben. Außerdem sollte der Entstehung von nicht erfüllbaren Erwartungen vorgebeugt werden, in dem der*die Moderator*in anspricht, dass wahrscheinlich nicht jeder genannte Aspekt diskutiert werden kann.

Vom Quiz zum Modell ist eine Methode, bei dem man vor jedem Vorstellen eines neuen inhaltlichen Elements abfragt, ob eine bestimmte Aussage wahr oder falsch ist und so neugierig auf die folgenden Inhalte macht. Im besten Fall ist sie so kontrovers gestellt, dass sie zum Nachdenken und Diskutieren anregt. Man kann einige Stimmen aus der Runde der Teilnehmenden hören oder sie einladen, in den Chat zu schreiben, ob sie die Aussage für wahr oder falsch halten. Diese Methode vereinfacht den Zugang zu vorgetragenen Inhalten, indem man von der Diskussion praktischer (Fall-)Beispiele zu abstrakteren Modellen oder Theorien kommt. Katharina Götting hat uns mit dieser Methode die verschiedenen Faktoren des Modells zur Erklärung umweltschützendes Verhaltens vorgestellt, die in Psychologie im Umweltschutz. Handbuch zur Förderung nachhaltigen Handelns (Hamann, Baumann & Löschinger, 2016) näher beschrieben sind. Das Modell wurde zur Anwendung in der Praxis entwickelt und basiert auf der Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen, 1991) und dem Norm-Aktivations-Modell (Schwartz & Howard, 1981). In der Methodenreflexion haben wir festgehalten, dass die Aufmerksamkeit mit dieser Methode auch bei relativ langen Vortragsteilen gehalten werden kann. Allerdings wurde auch angemerkt, dass die Formulierung und Wahl der Wahr-Falsch-Aussagen nicht einfach ist: Sie sollte zwar letztlich als eindeutig wahr oder falsch deklariert werden können, gleichzeitig aber einen Diskussionsraum eröffnen und nicht zu schwierig oder zu einfach zu lösen zu sein.

In einer weiteren Methode haben wir anhand eines Zeitstrahls historische Ereignisse ihrer Jahreszahl zugeordnet. Wir haben dazu von BNE Sachsen entwickeltes Lernmaterial zu deutscher Kolonialgeschichte verwendet. Diese Methode ist ebenfalls auf einem vorbereiteten Online-Whiteboard durchführbar. So lässt sich ein historischer Zugang zu einem bestimmten Thema schaffen. Gleichzeitig haben wir diskutiert, inwiefern die Aufgabe eventuell frustrierend sein kann, wenn man kein Vorwissen zu der Thematik mitbringt und daher kaum Ereignisse richtig zuordnen kann.

Auch auf digital stattfindenden wissenschaftlichen Konferenzen gibt es Poster-Sessions. Dafür haben wir ein Tool angewendet, das ein einfaches Erstellen von visuell ansprechenden Postern ermöglicht: canva. Es eignet sich auch, um Präsentationen für Online-Lehre oder ähnliche Kontexte zu gestalten. Beispielhaft haben wir Poster zur Elektrifizierung des Verkehrs erstellt. Es ist vielversprechend, in kurzer Zeit schöne Poster gestalten zu können – erfordert aber Übung, um dieses Tool sinnvoll einsetzen zu können.

In ihrer Weiterbildung für das EXPERI-Team hat Katharina Götting uns die beschriebenen methodischen Erkenntnisse vorgestellt und diese inhaltlich mit dem besonderen Fokus Psychologie der Klimagerechtigkeit im Kontext der Verkehrswende unterfüttert. Ein klimagerechtes System schafft Gerechtigkeit zwischen Globalem Norden und Globalem Süden, arm und reich, alt und jung, heutigen und zukünftigen Generationen. Von diesem Zustand sind wir aber weit entfernt - im Kontext der Verkehrswende sind hier die hohen Emissionen des Verkehrssektors zu nennen, die stark zur Klimakrise beitragen und besonders im Globalen Süden verheerende Klimafolgen haben (global gesehen macht der Verkehrssektor etwa ein Fünftel aller Emissionen aus). Die Arbeitsbedingungen beim Abbau von Rohstoffen, die die Autoindustrie verwertet, sind häufig katastrophal (Beckert, 2019) . Besonders Menschen mit geringem Einkommen sind durch Umweltbelastungen des Verkehrssektors betroffen, obwohl sie weniger Zugang zu Mobilität haben und weniger Emissionen im Verkehrsbereich verursachen (VCD, 2020). Klimaungerechtigkeit besteht demnach auf lokaler und globaler Ebene. Das Streben nach Klimagerechtigkeit kann auf individueller Ebene ein Motivator sein, indem wir unsere besondere Verantwortung als hauptsächliche Verursacher*innen der Klimakrise anerkennen und unser Verhalten entsprechend emissionsarm ausrichten. In der Umweltpsychologie wird anhand von wissenschaftlich fundierten Modellen untersucht, wie solche Einstellungen und Verhaltensweisen gefördert oder gehemmt werden.

Katharina Götting hat uns definitiv sowohl thematisch einen spannenden Einblick in die Thematik Umweltpsychologie und Klimagerechtigkeit gegeben, als auch viele methodische Ansätze und Ideen geteilt, um Workshops interaktiv und anregend zu gestalten. Wir haben ihren Workshop inspiriert verlassen und freuen uns auf die Anwendung in zukünftigen Veranstaltungen!